
Resupply#
Ich machte mich also am Morgen des fünften Tages auf, um den Abstieg nach Ammarnäs zu beginnen. Das war notwendig, denn mein Plan war in Ammarnäs meinen Proviant aufzufüllen. Ich wusste, dass es dort einen Supermarkt gibt, aber war dennoch etwas nervös, weil ich nicht genau wusste, was mich erwarten würde. Insbesondere ob ich eine Steckdose finden werde. Aber je näher ich dem “Stadtkern” von Ammarnäs kam, desto mehr wurde mir klar: Hier leben Menschen. Und wo Menschen leben gibt es Infrastruktur.


Schon verrückt wie viel Zeit und Faszination ich aufbringen konnte für die Mülltrennung und die Rettungsstation. Eigentlich etwas total Gewöhnliches, aber nach 4 Tagen ohne viel Infrastruktur, war das etwas Ungewöhnliches.
Nicht weit der Rettungsstation fand ich mich dann im Zentrum von Ammarnäs wieder. Ich war etwas früh dran, weshalb der Supermarkt noch geschlossen war. Aber dafür war vorgesorgt. Es gab eine kleine Bank und einen Tisch seitlich des Supermarkts. Und es gab Steckdosen! Jackpot! Ich konnte also in Ruhe sitzen, etwas essen, Geräte aufladen und warten, bis der Laden öffnete. Das war ideal, da ich mir erst einmal in Ruhe einen Überblick verschaffen konnte, was ich eigentlich brauche.

Nach einigem hin und her hatte ich Nachschub für die nächste Etappe im Rucksack. Ich habe viel nützliches und unnützliches gekauft, ihr könnt euch ja überlegen was in welche Kategorie fällt: Lippenstift mit Sonnenschutz, Sonnencreme, gefriergetrocknete Mahlzeiten, Süßigkeiten, Porridge, usw.
Ich habe mich auch dazu entschieden einige Gegenstände aus dem Rucksack nach Hause zu schicken: Fleece, T-Shirt und noch ein paar Kleinigkeiten. Ersparnis ca. 500-600 g. Ich habe nichts davon vermisst.


Im Supermarkt wurde ich mehrmals von anderen Wanderern angesprochen. Ich wurde während meines Resupply mehrmals gefragt ob ich nach Norden oder Süden laufen würde. Und vor allem noch heute oder morgen. Darauf entgegnete ich ohne mit der Wimper zu zucken: Norden und heute. Als wäre es das normalste auf dieser Welt. Die Reaktion war immer dieselbe: Leichtes Entsetzen im Blick. Mittlerweile war es ca. 12:00 Uhr. Das ist später noch wichtig. Aber erstmal einen Rentierburger nebenan verdrücken.

Es war nun weit nach 12:00 Uhr und ich begann also meine Wanderung Richtung Norden. Wer sich im Vorfeld ordentlich informiert hätte, wüsste, dass in der Nähe von Ammarnäs ein Campingplatz ist. In dessen Richtung ich nun unterwegs war. Und dann begann ein eher erschwerlicher Aufstieg. Ich witzelte später: Man man man, hier bräuchte man einen Skilift und zack, laufe ich an einem Skilift vorbei.
Misery Mountain#
Wenige Stunden später realisierte ich, warum mich heute Morgen alle so entsetzt angeschaut haben. Ich habe nach dem Supermarkt nur noch eine kleine Gruppe Wanderer beim Abstieg getroffen, und dann über den gesamten Tag bis abends (also ca 8h+) keine Seele. Später taufte ich den Abschnitt “Misery Mountain.” Es war eines der unwirklichsten und rauesten Orte bis jetzt auf dem Kungsleden. Alles dort schrie mich an: Du hast hier nichts verloren. Der Wind war rau, die Vögel wütend und es gab kaum Schutz.
Bisher hatte ich mich auf dem Kungsleden nie wirklich allein oder isoliert gefühlt. Hier war das auf einmal anders.
Zum ersten Mal hatte ich dieses echte Gefühl von Alleinsein. Von wild. Von weit weg von Zivilisation. Von: Wenn jetzt irgendwas passiert, dann ist erstmal niemand da.
Was im Nachhinein fast absurd ist, wenn man bedenkt, wie viele Menschen ich auf dieser Etappe noch treffen sollte.
Es war wirklich unheimlich. Zum ersten Mal auf dem Kungsleden fühlte ich mich nicht nur beeindruckt, sondern verletzlich.

An der Hütte habe ich kurz überlegt zu übernachten - auch wenn verboten - aber es war einfach noch zu früh, also entschied ich mich noch ein wenig weiter zu laufen. Natürlich nachdem ich mich ins Logbuch eingetragen habe. Einen Schritt vor den nächsten.
Schlussendlich war dann auch der “Misery Mountain” bezwungen. Und als ob die Natur mich dafür belohnen wollte, hörte es auf zu regnen und die Sonne kam wieder hervorgekrochen.

Einige Stunden später traf ich dann noch einheimische Jugendliche, die den gesamten Weg noch zurück gehen wollten. Klar, warum auch nicht, ist ja 24h hell.
Da es mittlerweile schon fast 22:00 Uhr war, beschloss ich an der nächsten - für mich guten Gelegenheit - mein Nachtlager aufzuschlagen.
Keine 50 Meter#
Nur um dann am nächsten Tag festzustellen, dass keine 50 Meter weiter dieses Prachtstück auf mich wartete.

Dort trocknete ich dann noch meine Sachen - die ich abends noch gewaschen hatte - in der Sonne um mich dann weiter auf den Weg Richtung Jäkkvikk zu begeben.
Die Abkürzung#
Keine 100 Meter weiter begegnete ich - wie es schien - einem Einheimischen. Ich konnte es mir natürlich nicht verkneifen und musste fragen wie er denn dort hin gekommen sei. Die Frage fand er seinen Gesichtszügen entnehmend etwas merkwürdig, die Antwort war aber sehr logisch und klang selbstverständlich: Er sei natürlich gelaufen. Aber den kurzen Weg. Alte Straße oder so ähnlich hieß der Weg. Und ich hab mich abgemüht. Er war jetzt nicht ein Mann der vielen Worte, aber ich erfuhr, dass er mit einem Freund angeln will. Wir verabschiedeten uns und ich zog weiter.

Wiedersehen mit Pelle#
Wahrscheinlich bin ich gestern so um die 30 km oder mehr gelaufen. Die Höhenmeter waren auch nicht ohne. Gestern fühlte sich das alles noch gut und machbar an. Immerhin konnte ich abends noch im Fluss baden und meine Kleidung waschen. Die Morgensonne hatte auch alles schon getrocknet. Aber die Belastungen der letzte Tage hingen mir schon etwas in den Knochen.
Kurz nach der Begegnung mit den Einheimischen stand der nächste größere Anstieg bevor. Da musste ich mich ehrlich gesagt schon ganz schön durchquälen.


Also quälte ich mich den nächsten Anstieg hoch und wollte erstmal eine kleine Pause machen. Und wen sehe ich da in der Ferne beim Abbauen? Einen alten Bekannten: Pelle!
Das war ein freudiger Moment. Ich beschloss eine kurze Rast einzulegen und wir plauschten etwas. Nachdem Pelle fertig war, beschlossen wir den Weg zusammen weiterzulaufen.


Räudiger Schlafplatz#
Unser Tagesziel sollte Sjnulttje werden. Hätte ich gewusst, was das bedeutet, hätte ich eine definitiv andere Wahl getroffen. Die Hütte Sjnulttje liegt in einem Abschnitt in dem zur Brutzeit von Gänsen der Kategorie “Eltern des Jahres” das Wildcampen verboten ist.


Lediglich in der Nähe der Schutzhütte Sjnulttje wird das Wildcampen geduldet. Allerdings sind die dortigen Schlafplätze dermaßen räudig, dass man sofern man keinen U-geformten Rücken hat, keinerlei Schlaf finden wird. Körperlich war ich zu dem Zeitpunkt schon ziemlich am Ende und aufgrund der schlechten Schlafplatzsituation entschieden wir uns dazu in der Hütte zu übernachten - obwohl das eigentlich nur für Notfälle gedacht sei. Wir witzelten noch darüber, es wird wohl nicht die “Schlafpolizei” kommen und lachten laut. Und in genau dem Moment hat es an der Tür geklopft. Entsetzt starrten wir uns an und guckten neugierig zur Tür.
Dort schaute Frederik durch die Tür zu uns rein und sprach in schwedischem Dialekt auf Englisch: “Habt ihr noch einen Platz für mich? Schaut mal raus, ich bin schnell hergerannt.”
Als wir rausschauten haben wir gesehen, dass sich ein Unwetter anbahnte. Immerhin hatte sich die Grauzone erledigt, denn niemand wollte nach dem Ausblick mehr draußen schlafen.
Also machten wir es uns in der Hütte gemütlich. Allerdings haben schwedische Hütten so an sich, dass sie sich unendlich aufheizen. Dementsprechend lagen wir alle mit unseren 0 Grad Schlafsäcken auf unseren Isomatten und schwitzten uns zu Tode. Ich glaube in dieser Nacht hat niemand auch nur ein Auge zugemacht. Zudecken musste man sich, sonst wurde man von den Mücken zerstochen. Zudecken hieß aber auch: Hitze. Also drehte man sich im 30-Sekunden-Takt um, in der Hoffnung die Mücken oder die Hitze verschwand. Dabei weckte man aber die anderen im Raum durch die lauten Geräusche der Isomatte auf. Wir richteten uns alle gegen 6:00 Uhr auf und waren uns einig: Zeit zum Aufstehen, frühstücken und loslaufen!
Erste Zweifel. Muss ich abbrechen?#

Die ersten Tage habe ich körperlich gut verkraftet. Ich hatte entschieden den Kungsleden ohne Wanderstöcke zu laufen. Dementsprechend musste ich - aufgrund der unebenen Wegbeschaffenheiten - sehr viel mit den Füßen und Knien ausgleichen. Oft habe ich den Schwerpunkt künstlich nach unten geschoben. Und das geht verdammt nochmal in die Muskulatur.
In diesem Moment war mir klar: Wenn ich nicht bald eine Lösung finde, muss ich die Tour abbrechen. Dieser Gedanke ließ mich an diesem Morgen nicht mehr los.
Aber oftmals hat das Universum eine Lösung parat. Manche würden es auch Trail Magic nennen. So ergab es sich, dass ein langer Stock vor der Hütte lag und eigentlich nur darauf gewartet hat von mir mitgenommen zu werden.
Er war zwar etwas zu lang, aber mit der Säge aus dem Holzschuppen konnte ich ihn auf die richtige Länge sägen. Somit sollte ich es bis nach Jäkkvikk schaffen und ich hoffte die Belastung für den Körper würde sich dann etwas verteilen.
Wir verabschiedeten uns von Frederik, denn er lief in südliche Richtung.

Rentiere#
Nachdem wir uns von Frederik verabschiedet hatten, zogen wir weiter in Richtung Adolfström. Der Tag war trüb und es regnete. Meine Motivation schwand, da ich erschöpft war.
Wir durchschritten diese merkwürdige Pforte, die wir später als “Rentiersperre” einordneten.

Kurze Zeit später rannten wir auch in eine Rentierherde rein. Ich hatte davon schon gehört. Man soll auf gar keinen Fall weiterlaufen, wenn die Gefahr bestünde die Herde zu trennen. Das Problem war jetzt aber, es waren Hunderte von Tieren und die Hälfte der Tiere stand links vom Weg und die andere Hälfte rechts vom Weg. Ich hätte mich in dem Moment auch garantiert nicht mehr daran erinnert, wie man sich verhalten hätte sollen. Zum Glück haben wir keine 5 Minuten vorher Jonn kennengelernt.

Ich weiß noch, dass ich mich irgendwann umdrehte. Warum genau, weiß ich nicht mehr.
Aber plötzlich sah ich einen Wanderer relativ schnell auf uns zukommen. Er grüßte kurz und eigentlich waren wir ihm nur im Weg.
Allerdings hatte ich mir mittlerweile angewöhnt, alles und jeden anzuquatschen, der nicht schnell genug weg war. Jonn war zwar schnell. Ich war aber hartnäckiger.
Und so ergab es sich, dass ich Jonn Löcher in den Bauch fragte und wir gemeinsam weiterliefen.
Und weil Jonn wusste, wie man sich in so einer Situation verhält, half er uns dabei, die Herde nicht auseinanderzutreiben.

Es wäre aber wahrscheinlich eh egal gewesen, weil während wir durch das “Gehege” liefen, die Herde mit Helikoptern zusammengetrieben wurde.

Der Tag war sehr aufregend aber auch anstrengend: Jonn. Hubschrauber. Rentiere. Vintage Wanderstöcke. Deshalb war ich sehr froh in Adolfström bei einem Anwohner im Garten zu schlafen (gegen eine Gebühr). Eigentlich war das ziemlich cool. Es gab kleine abgetrennte Duschen. Draußen standen Wasserkocher und fließendes Wasser.

Auslaufen bis nach Jäkkvikk#
Am nächsten Morgen bin ich alleine los, da Pelle noch geschlafen hat. Bis nach Jäkkvikk war es nicht mehr weit. Und so verlief mein Weg bis nach Jäkkvikk relativ ereignislos. Kurz vorm Ziel holte mich Pelle auch schon ein, da er meist schneller unterwegs war.

In Jäkkvikk angekommen haben wir uns am Campingplatz eingebucht. Auf Pelles Nacken (ich hatte in Adolfström bezahlt).

Es war gerade früher Nachmittag, deshalb hatten wir genügend Zeit in den örtlichen ICA (Supermarkt) zu gehen. Der ist keine 500 m vom Campingplatz entfernt und er bot sich an die Vorräte aufzufüllen.


Rückblickend war diese Etappe wahrscheinlich nicht die schönste, aber eine der wichtigsten.
“Misery Mountain” hat mir gezeigt, wie schnell sich Weite in Einsamkeit verwandeln kann. Eine Nacht wie in Sjnulttje brauche ich auf jeden Fall nicht noch einmal. Obwohl sie trotz des Schlafmangels interessante Momente bereithielt.
Rückwirkend war die Entscheidung den Holzstab aufzunehmen und mit ihm die Reise fortzusetzen ein Schlüsselmoment und eine sehr wichtige und richtige Entscheidung. Es war kein schöner Anblick, aber es hat es mir ermöglicht den Kungsleden weiterzulaufen.
Was wäre auch die Alternative gewesen? Aufgeben? Nein. Innerlich wusste ich, dass ich noch Restreserven habe. In Kombination mit der Kniebandage war ich zuversichtlich, es bis Jäkkvikk zu schaffen.

Abschließend möchte ich noch ein paar meiner Lieblingsbilder der Etappe teilen.

Auf der nächsten Etappe ging es weiter Richtung Kvikkjokk. Und dort sollte ich lernen, dass gute Vorbereitung nichts hilft, wenn die verfügbaren Informationen mindestens irreführend, wenn nicht sogar falsch sind.
