
Gemütlich los um 11 Uhr#
Nach über einer Woche Wildnis, weiß man gegebene Infrastruktur zu schätzen. Deshalb beschlossen Pelle und ich den Tag ruhig anzugehen. Also: Keinen Wecker. Den braucht man eh nicht, da die Sonne einen um 9:00 aus dem Zelt treibt. Und somit hatten wir Zeit. Dachten wir.
Deshalb setzten wir uns um 11 Uhr nach einem Frühstückseinkauf im ICA in Bewegung. Der Rucksack voll gepackt, die Bäuche voll: Der Weg war schön, die Sonne schien, und die Stimmung war entspannt.
Nach den ersten Kilometern war es dann auch soweit: das erste Mal Ruderboot fahren. Das Rudern übernahm Pelle - nachdem er von der anderen Seite das Boot geholt hatte - und so setzten wir die ca. 100-200 Meter über.
Doch dann begann etwas in mir langsam zu brodeln.

Southern Kungsleden#
Auf dem Kungsleden gibt es Abschnitte, die man nicht zu Fuß zurücklegen kann. Dort braucht man Boote. Manchmal Ruderboote, manchmal Motorboote – letztere betreiben Einheimische und man muss sie vorher anmelden.
Das wusste ich. Was ich nicht wusste: dass einer dieser Motorbootabschnitte direkt nach Jäkkvikk beginnt.


Nachdem Captain Pelle uns übergesetzt hatte, realisierte ich: Wenn wir den Bootstransport verpassen, sitzen wir für fast 24h fest. Eigentlich nicht schlimm, aber ich wollte nicht gezwungen sein mit all den anderen Wanderern - die sich dann zwangsläufig dort sammeln werden - zu verharren. Das ist ziemlich irrational und es gab absolut keine logische Erklärung dafür.
Wir wussten aber, dass Mr. und Mrs. Orange - ein älteres Ehepaar mit orangefarbenen Oberteilen, welches ebenfalls in Jäkkvikk übernachtete - das Boot reserviert haben und schon früher los sind. Sollten wir diese also rechtzeitig einholen, könnten wir es noch schaffen.
Der Push#
Ich sprach meinen Wunsch aus und Pelle war nicht abgeneigt. Immerhin ist er Triathlet und die sportliche Herausforderung schien ihm zu gefallen.
Ab diesem Moment versuchte ich mit Pelle mitzuhalten, aber ich lief ihm die ganze restliche Etappe nur hinterher. Das war sicher die anstrengendste Etappe, da es etliche Höhenmeter zu überwinden galt. Dazu kam noch das enge Zeitlimit, da wir das Boot unbedingt erwischen wollten. Nach einem kurzen Irrweg und vom Ehrgeiz getrieben konnten wir gegen 14:00 Uhr Mr. und Mrs. Orange in der Ferne erblicken und wussten: wir können es schaffen. Es wird aber sehr, sehr knapp.
Dennoch gab uns das die nötige Motivation und so kamen wir fünf, vielleicht zehn Minuten vor Abfahrt am Anleger an.

Kurze Zeit später erblickten wir das Boot, wie es langsam anlegte. Es kamen zwei Wanderinnen in unsere Richtung. Wir grüßten kurz und stiegen dann ein. Geschafft!
Der Bootsmann#
Der Bootsmann, der uns übersetzte, redete nicht. Es war ein kleiner, rundlicher Mann. Seine Kommunikation war ein Brummeln und Grummeln. Selbst Jonn konnte sich nicht richtig mit ihm verständigen, obwohl er Schwede ist.
Die Überfahrt dauerte ca. zehn Minuten und war natürlich ein Erlebnis.
Auf der anderen Seite angekommen, liefen wir zum Bezahlen – ungefähr 50 Meter entfernt. Der Bootsmann fuhr diese 50 Meter mit dem Quad.


Der Abend am Fluss#
Kurz nach dem Anleger schlugen wir unser Lager auf. Direkt am Wegesrand. Rechts: drei Zelte. Kopf an Kopf Links: ein breiter, flacher Fluss. Vielleicht knietief. Kühlschrank-kalt.


Jonn, Pelle und ich suchten uns jeder seinen eigenen Felsen. Der Tag war sehr heiß. Jeder schwieg und so saßen wir dort und ließen den Tag gemeinsam, aber in Ruhe ausklingen.



Der Magnesiumunfall#
Morgens war Jonn - wie immer - bereits aufgebrochen und Pelle - auch wie immer - noch am schlafen. Der Weg war etwas herausfordernd und steinig. Auch später ging es wieder bergauf und die Sonne brannte erbarmungslos auf mich herab.
Ich erinnere mich noch, dass ich mir einbildete die Sonne würde meine Füße zum Brennen bringen. Aber es half nichts. Ich setzte ein Fuß vor den anderen und schlängelte mich die Höhenmeter hinauf.
Nach einem eher unangenehmen Zwischenfall - über den wir nicht sprechen - ging es wieder bergab.


Irgendwann sah ich eine merkwürdige Behausung (leider habe ich aufgrund der Hitze keine Bilder gemacht) in die ich neugierig reinschaute. Und wen erblicke ich da? Genau! Jonn. Ihm schien es wohl auch zu warm geworden zu sein. Nach einem kurzen Schmunzeln setzten wir unsere Reise gemeinsam fort und er begann von zwei Wanderinnen zu schwärmen, die wir unbedingt einholen müssen. Ich erfuhr ihre Namen und, dass sie aus Finnland sind.

Da wir nun ein Ziel hatten, trotzten wir der Hitze und schlängelten uns weiter in Richtung Norden. Schlussendlich holten wir die beiden Finninnen ein, da sie gerade eine Pause machten. Die Aussicht gefiel, weshalb wir uns anschlossen.


Nach einer kurzen Rast und einem kurzen Gespräch mit den beiden (Jonn war zu schüchtern) hieß es Endspurt. Kurze Zeit später wurde ich noch beinahe von einer Schlange gebissen. Sehr selten in Schweden, aber hätte gut gepasst. Jonn meinte nur: Glück gehabt. Deine Tour wäre sonst sicher zu Ende gewesen. Gut, dass Jonn ein Satelliten-SOS-Gerät dabei hatte.
Kurz darauf erreichten wir eine Rast, die ich vor allem deshalb in Erinnerung behalten habe, weil dort eine große Mülltonne stand, sowie einen Ratgeber über “Echte Männer” (auf deutsch) im Klohäuschen lag.

Kvikkjokk#
Der nächste Tag war etwas unspektakulär. Allerdings endet die Etappe an einem See. Um nach Kvikkjokk zu kommen, muss man mit einem Motorboot übersetzen. Deshalb war die wichtigste Entscheidung die es heute zu treffen galt war: wer fährt uns nach Kvikkjokk? Helena und Björn oder Jan.


Helena und Björn sind urgesteine der Gemeinschaft und leben seit vielen Jahren in der Nähe von Kvikkjokk. Jan ist wohl neu nach Kvikkjokk gezogen und bietet neuerdings ebenfalls Bootstransfere an. Es ist ein richtiger Konkurrenzkampf um die Wanderer entbrannt. Viele Schilder und auch ein Gespräch weiter nördlich mit Anna (Transfer bei Aktse) deuteten darauf hin. In der Kurzfassung: Die (etablierten) Einheimischen sind nicht begeistert und es gibt richtige öffentliche Auseinandersetzungen.
Jonn wollte sich nicht entscheiden, weil er dort wohl einen Interessenskonflikt vermutete. Da ich mir nur die Nummer von Jan gemerkt habe, war die Entscheidung für mich einfach. Nach einem kurzen Telefonat mit Jan und der vereinbarten Uhrzeit liefen wir die letzten Kilometer zum Anleger.

Und so war auch dies problemlos möglich. Jan wartete schon und brachte uns dann auf die andere Seite. Interessant fand ich, dass Jan auf einer Insel wohnt, und dort nur mit Boot hinkommt. Wenn er was großes bestellt (wie z.B. einen Ofen), dann wird das mit dem Hubschrauber angeliefert. Auch hat er viele Vögel auf seinem Grundstück, welche die ganzen Mücken fressen, weshalb er kaum welche hat.



Als wir fast auf der anderen Seite angekommen sind, habe ich ein paar kleine Boote am Ufer liegen sehen und da wurde mir bewusst: Hier fährt jeder Boot. Ist ja auch logisch, wenn man über den See muss. Und vor allem auch praktisch. In meiner Lebensrealität spielen Boote überhaupt keine Rolle.

Ursprünglich hatte ich mir vorgenommen, den Kungsleden am Stück zu laufen. Aber die letzten Tage machten mir klar: ohne Ruhetage werde ich das körperlich nicht schaffen.
Allerdings stellte sich schnell heraus, dass Kvikkjokk kein guter Ruheort ist: Die größte Mückenkonzentration seit Tourbeginn. Eingeschränkte oder schlechte Resupply-Möglichkeiten. Die Hitze und generelle Erschöpfung trug zu einer insgesamt negativen Stimmung bei.
Die genauen Details berichte ich in der 4. Etappe.
