
Frisch machen#
Die letzten fast zwei Wochen waren sehr ereignisreich, aber auch sehr anstrengend für meinen Körper. Ich hatte mehrmals überlegt, die Reise vorzeitig abzubrechen, aber mich schlussendlich dazu entschlossen einen Ruhetag einzulegen. Eigentlich hatte ich mir ursprünglich vorgenommen, den Kungsleden ohne dedizierten Ruhetag zu machen, aber das schien mir nicht mehr sehr realistisch.
In Kvikkjokk gab es immerhin eine “Mountain” Station, welche richtiges Essen servierte und auch andere Annehmlichkeiten wie Dusche und Waschmaschine bereithielt. Für ein Abendessen war ich zu spät (man muss das rechtzeitig anmelden, da es nur begrenzt Plätze gibt), aber ein normales Frühstück geht fast immer. So nutzte ich also den Ruhetag um mich hauptsächlich auszuruhen, meine Wäsche zu waschen und seit nun fast einer Woche mal wieder zu duschen.

Neue Bekanntschaften#
Bis Kvikkjokk waren Jonn und Pelle meine regelmäßigen Begleiter. Kvikkjokk verließ ich allerdings alleine, da beide noch einen Tag länger abschalten wollten. Das hätte mir sicher auch gut getan, aber Kvikkjokk und ich sind nicht richtig warm geworden - aber ich befürchtete, dass ich, wenn ich noch länger bleiben würde, doch noch nach Hause fahren würde.
Also setzte ich meine Reise mit anderen neuen Begleitern fort in Richtung Norden. Der Wald hier zeigt sich in einem ganz anderen Bild, als noch ein paar Kilometer weiter südlich.



Während des Tages wurde mir klar, dass die Schlafplatzwahl etwas schwierig wird, aber mit Blick auf die Karte sollte ich bald einen geeigneten Schlafplatz erreichen. Kurz zuvor möchte ich euch aber an einem - meiner Meinung nach witzigen - Moment teilhaben lassen.
Nach den Strapazen erreichte ich dann eine gute dreiviertel Stunde später meinen Lagerplatz.


Das Ruderboot#
Nachdem gestern relativ ereignislos war, sollte es heute das erste Mal soweit sein: Rudern.

Ich hatte kurz vorm Boot einen Wanderer getroffen, der mir sagte, dass man problemlos rudern kann, das Wasser sei schön ruhig. Und ich hatte wirklich Glück. Es waren genügend Boote auf meiner Seite. Aber, was ich nicht wusste: man sieht das andere Uferende nicht. Die Entfernung ist ca. 1 Kilometer und man muss etwas schräg rudern. Es sind Schilder aufgestellt, die das alle erklären, aber mir war nicht besonders wohl dabei. Es nutzte aber alles nichts, also wurde auf die andere Seite gerudert.

Emily#
Auf der anderen Seite angekommen (nach über einer Stunde für einen Kilometer), war ich sehr erleichtert. Dort wartete auch schon eine Wanderin. Später stellte sich heraus, sie heißt Emily und ist aus Deutschland. Sie bereist gerade Europa. Wir tauschten uns noch etwas aus, sie wartet noch auf einen weiteren Wanderer, da sie nicht alleine über den See möchte. Diese Begegnung war für mich eher alltäglich, sie soll aber am Ende meiner Reise noch einmal interessant werden. Das ist insbesondere kurios, da Emily ja nach Süden läuft.
Aktse#
Aktse selbst war, ehrlich gesagt, kein Ort, in dem ich gerne länger geblieben wäre. Es war bis hierhin die überlaufenste STF Station. Generell überfüllt, laut, irgendwo lief sogar Musik aus einem Lautsprecher. Alles, was man als Liebhaber der Natur nicht möchte.

Allerdings hatte ich hier auch eine ziemlich coole Begegnung mit dem Hüttenwirt.
Der STF-Shop war eigentlich schon geschlossen, als ich ankam. Er stand mit ein paar anderen Leuten zusammen und redete. Trotzdem konnte ich noch schnell ein paar Dinge kaufen. Wie üblich: Snickers & eine kalte Cola.


Nachdem ich und die anderen Wanderer bewirtet waren, hat er sich selbst etwas gekocht: Tortellini mit Tomatensauce. Wir kamen ins Gespräch, während er aß. Und dann, mitten im Satz, hielt er mir einfach seinen Löffel hin und fragte, ob ich auch wollte.
Innerlich habe ich kurz gezögert, aber habe dann den Löffel genommen und gegessen. Einfach so, vom selben Löffel, mit einem wildfremden Hüttenwirt in Aktse. Tortellini mit Tomatensauce klingt erstmal langweilig, aber wenn man seit Wochen nur Snickers und Outdoornahrung isst, war das eine gelungene Abwechslung.

Ich habe mir noch ein paar Tipps zur Wasserversorgung, Zeltplatz und zum Aufstieg zum Skierffe abgeholt und machte mich dann nach einem kurzen Toilettengang weiter. Und über diesen Toilettengang müssen wir reden. Wirklich. Lasst euch das folgende Video auf der Zunge zergehen

Bootstransfer#
Ich hatte es an anderer Stelle schonmal erwähnt: Die Schweden sind unheimlich pragmatisch. Der Trail ist super gut organisiert. Hier ein Beispiel eines Zettels im STF-Shop in Aktse:


Skierffe und warum Wetter in den Bergen unberechenbar ist#
Über Aktse habe ich mein Zelt aufgebaut und mein Gepäck verstaut. Mit meinem praktischen kleinen Tagesrucksack (60g) und etwas Wasser und ein paar Snickers habe ich einen Abstecher zum Skierffe - dem bekannten Aussichtspunkt über dem Rapadalen - gewagt. Vorher habe ich noch einen Blick in den Himmel gewagt um das Wetter abzuschätzen. Es war relativ windstill und gab für mich auch keinerlei Anzeichen für Sorge.
Oder anders ausgedrückt: Der Aufstieg begann harmlos. Die ersten paar Kilometer bin ich noch mit ein paar Jugendlichen gegangen, die einen alternativen Zeltplatz hatten, weshalb sich unsere Wege trennten.
Da man nicht mehr auf dem Kungsleden ist, wird der Weg zum Skierffe auch nicht mehr klassisch mit rot- oder gelber Farbe markiert. Stattdessen sind überall kleine Steinmännchen, die den Weg zeigen sollen. Irgendwie muss ich es geschafft haben etwas vom “offiziellen” Weg abzukommen und habe mich dann in einem Steinfeld wiedergefunden. Das Schöne: Ich habe die versteckte Wasserquelle gefunden.


Das weniger Schöne: Der Wind hat etwas gedreht und es fing auch langsam an zu regnen. Und innerhalb weniger Minuten, stand ich inmitten einer Nebelwand. Ich habe den Moment aufgenommen:
Das Ganze hat sich innerhalb weniger Minuten sehr schnell hochgeschaukelt.

Also stand ich da um 17:15 Uhr mitten in einer Nebelwand. Leicht vom Weg abgekommen, da ich immer noch nicht zurück auf dem “offiziellen” Weg war. In mir stieg leichte Panik auf. Aber das bringt auch nichts mehr. Ich habe dann entschieden: Abbrechen. Zurück auf den Weg finden und dann absteigen. Nachdem der Entschluss gefasst wurde, habe ich mich nochmal neu orientiert - mit dem Handy und meiner offline Navigation. Ohne diese hätte ich den Weg nicht mehr zurück gefunden. Ich habe nichts mehr gesehen und konnte mich nicht orientieren. Dank GPS und Richtungsnadel war das aber kein Problem.
Mir sind dann noch ein Ehepaar begegnet. Beide auch klitschnass. Sie war sehr begeistert (Ironie) und von dem, wie die beiden sich gegeben haben, zu urteilen, war das wohl ihr letzter Outdoor-Urlaub. Ich war aber sehr froh, nicht mehr alleine zu sein, begann aber schnell mit dem Abstieg. Denn mittlerweile war ich richtig nass geworden (Regenhose hatte ich natürlich nicht mit) und eine Daunenjacke natürlich auch nicht. Eigentlich wollte ich meinen kleinen Rucksack zuvor noch irgendwo deponieren. Zum Glück habe ich das nicht gemacht.
Zur Einordnung: Der schnelle Abstieg hat dann noch zwei Stunden gedauert. Aber ich bin dann noch diesem netten Vogel begegnet:
Das hat mich sehr gefreut, denn in den letzten Tagen sind mir sehr viele Rebhühner begegnet. Die sind quasi immer vor mir auf dem Weg gelaufen. Aber immer wenn ich fotografieren oder Bewegtbilder von ihnen machen wollte, waren sie weg. Deshalb war ich sehr froh, diesen kurzen Clip eingefangen zu haben.
Der Tag war zwar immer noch jung, aber ich hatte gedacht, wenn ich früh schlafen gehe, schaffe ich vielleicht das Boot am nächsten Tag. Wecker brauchte ich nicht stellen, denn das Boot kommt erst um 09:00 Uhr. Das sollte ich schaffen.

Warum kann man sich die unwichtigen Dinge merken, die wichtigen aber nicht?#
Da ich gestern Abend schon um 19:00 Uhr ins “Bett” gefallen bin, war ich um 07:00 Uhr schon startklar. Das hat mich besonders gefreut, da ich circa zwei Stunden bis zum Bootstransfer brauche (09:00 Uhr) und circa eine Stunde um an den Punkt zu kommen, an dem ich das Boot rufen kann (Handyempfang).
Frohen Mutes liefen wir los und erreichten auch gegen 08:00 Uhr den Kontaktpunkt. Glücklich schickte ich eine SMS an Lars (da der Empfang nicht gut genug für ein Telefonat schien), mit dem Hinweis, dass ich bereit bin um 09:00 Uhr abgeholt zu werden.

Die Antwort begeisterte mich aber nicht:
Das Boot kommt um 08:00 Uhr…
Das war auch der Moment, an dem ich das erste Mal das Schild las und es dauerte immer noch einige Momente bis mein Verstand begriff was gerade passiert war. Schon interessant, gestern auf dem Skierffe fiel mir die Vorwahl von Schweden ein. Die habe ich mir nie aktiv gemerkt, oder mich damit beschäftigt. Irgendwie ist sie doch hängengeblieben. Und jetzt, die wichtige Information, dass das Boot um 08:00 Uhr kommt und nicht um 09:00, das konnte ich mir natürlich nicht merken. Gut, es war noch keine 08:00 Uhr, sondern 07:56. Aber 4 Minuten für eine Strecke, für die ich noch ca. 1 Stunde brauchen werde - obwohl ich hätte technisch gesehen 20 Minuten Zeit - wollte auch nicht so wirklich ankommen. Immerhin kontaktierte mich kurze Zeit später Anna und sagte, dass sie heute morgen nicht nochmal kommt, aber sie versucht so schnell wie möglich heute Nachmittag mich abzuholen. Ich bräuchte auch nicht zum Anleger kommen. Es gibt eine Hütte, da soll ich warten. Sie holt mich.
Immerhin, muss ich nicht bis 17:00 Uhr warten, dachte ich. Nunja, umsonst beeilt. Jetzt konnte ich den Abstieg bis zum Ufer wenigstens in Ruhe angehen.
Was ich dann auch letztlich tat. Ich habe die Strecke auf zwei Stunden ausgedehnt und mich dann in der Hütte ausgeruht.
Dort hatte Emil dann seinen ersten richtigen Fan-Moment. In der Hütte hatten zwei Wanderer geschlafen. Sie kam aus Südkorea und er aus Tschechien. Sie war sehr angetan von Emil und machte einige Fotos und Videos mit ihm. Emil hing mir von ihr noch Tage später in den Ohren.


Anna kam gegen halb drei und holte mich und noch ein paar Mitwanderer ab.
Der Stein und der Regen#



Erinnert ihr euch noch an den Beef in Kvikkjokk mit Jan und Helena und Björn?
Dieses Schild ist mir in einer Schutzhütte begegnet.
Ich musste leicht schmunzeln.
Der Tag neigte sich langsam dem Ende zu und ich würde es heute nicht mehr nach Saltoluokta schaffen und wollte morgen auch nicht direkt da sein. Als ich dann DEN STEIN sah und nur noch circa 8 Kilometer bis Saltoluokta zu gehen hatte, beschloss ich hier mein Nachtlager aufzuschlagen.

Für mich war der Platz eigentlich perfekt – guter Schutz vor dem Wind. Nur der Boden war hart, und mein Zelt stand in einer kleinen Kuhle. Eigentlich kein Problem, aber irgendwann fing es richtig an zu regnen. Und das Wasser drohte unter mein Zelt zu fließen. Das fand ich nicht so gut, weil ich nicht im Wasser liegen wollte.
Da kam mir eine “gute” Idee. Ich hab mit meiner Schaufel den Boden an einer Seite des Zelts etwas aufgelockert, damit das Wasser besser absickern konnte.
Und wer hätte es gedacht: Es hat wirklich funktioniert. Unter der Erde sind meistens nämlich größere Steine (man sieht das auf fast jedem Bild) und da kann das Wasser natürlich super eindringen.
Ich war über diese banale Idee wirklich sehr stolz.
Saltoluokta#
Was mich bis jetzt etwas verwunderte: Wo sind eigentlich Pelle und Jonn? Ich war nicht besonders schnell unterwegs und einer oder beide hätten mich schon längst einholen sollen.
Mit diesen Gedanken lief ich den Rest des Wegs bis nach Saltoluokta. Ich war wirklich sehr gespannt auf diesen Ort. Jonn hatte mir zuvor erzählt, dass dies seine Lieblings-Fjällstation ist und ich plante hier einen weiteren Ruhetag ein.



Was mich in Saltoluokta noch erwartet hat und wie es auf der letzten, längsten Etappe nach Abisko weiterging, erzähle ich in der 5. Etappe.
