
Saltoluokta#
In Saltoluokta habe ich mir einen weiteren Ruhetag gegönnt. Bevor es also auf meine letzte große Etappe - von Vakkotavare nach Abisko - geht, heißt es erstmal: Entspannen und Ausruhen. Das Wetter war mittlerweile prima und das Wasser hatte eine angenehmere Temperatur, weshalb ich keine Dusche und auch keine Waschmaschine in Anspruch genommen habe, sondern im See gebadet und meine Klamotten gewaschen habe.

Ich weiß nicht wie, aber Jonn war schon vor mir hier angekommen. Eigentlich wollte er auch auf den Skierffe und ich war mir ziemlich sicher, dass ich vor ihm hier sein würde. Wie dem auch sei, er war gerade in mitten einer Vorbereitung für einen kleinen Vortrag, den er anderen Wanderern halten wollte. Ich habe ihm noch kurz dabei geholfen. Leider war der Vortrag ausgerechnet in “meiner” Essenszeit, weshalb ich ihn verpasste. Immerhin hatte Pelle die Gelegenheit das Ende mitzuerleben, denn er traf ein, während ich aß.
Insgesamt hatte Jonn auch nicht zu viel versprochen. Saltoluokta war zwar auch sehr überlaufen, aber es fühlte sich dörflich an, und die Nähe zum See und der umgebende Wald, machten es zu meiner Lieblings-Fjällstation. Allerdings sind Menschen dumm und das äußerte sich in Saltoluokta darin, dass überall kleine Nahrungsreste in das Gebüsch geschüttet wurden: Kekse, Müsli, usw. Das lockte natürlich Ameisen an. Und zwar Milliarden. Es gab über 10 riesige Ameisenkolonien und auf jedem Zeltplatz gab es eine Ameisenstraße.

Auch für neues Essen war gesorgt, der STF-Shop war super ausgestattet. Hier konnte man wirklich alles kaufen.

Ich bin gegen Mittag angekommen und habe beschlossen das Boot am nächsten Tag gegen 16:00 Uhr zu nehmen. Das verschaffte mir über 24h Zeit zum Ausruhen. Deshalb entschied ich mich auch ein Abendessen zu buchen (wir erinnern uns: in Kvikkjokk war ausgebucht). Und ich kann dies jedem nur empfehlen, denn es ist Tradition, dass man mit wildfremden Menschen an einen größeren Tisch gesetzt wird. Dadurch lernt man viele neue Menschen und Geschichten kennen. Geschichten und Menschen, die man sonst nicht erleben würde.
Ich muss gestehen, in Saltoluokta bin ich zu einem kleinen Verbrecher mutiert. Beim Essen gab es nämlich die Möglichkeit Waffeln mit so einer heißen Beerensoße zu essen. Dazu noch schön viel Sahne. Ein Träumchen. Was mir nicht bewusst war, man muss die Waffeln extra kaufen. Das habe ich aber erst nachher erfahren, als ich schon weg war. Ich hatte mich schon gewundert, warum so wenig Leute Waffeln gegessen haben. Upsie.
Zusätzlich gibt es in Saltoluokta eine Bücherbox. Dort kann man Bücher ausleihen, lesen und später wieder zurückbringen. Es gab einige wenige in Englisch, die anderen waren in mir nicht bekannten Sprachen, geschrieben. Da drückte mir Mr. Orange ein Buch in die Hand: Der Pferdepflüsterer. Nicht unbedingt meine erste Wahl, aber ich habe etwas gesucht um mir die lange Zugfahrt von Abisko bis Stockholm (14h) zu vertreiben, also nahm ich es entgegen.

An einem der nächsten Tage wurde mir dann bewusst, dass ich das Buch eigentlich nicht hätte mitnehmen können. Als ich Mr. Orange darauf ansprach meinte er: Naja, ich hab dir das Buch ja gegeben, dementsprechend bin ich der Dieb. Upsie. Die Zweite.

Der Ruhetag ging schneller um als gedacht, und so heißt es Abschied nehmen von Saltoluokta.

Jonn ist heute morgen mit dem ersten Boot los, da er die 30km, die ich mit dem Bus fahren werde, laufen wollte. Ich hatte auch sehr lange mit mir gehadert auch zu laufen. Denn wer mich kennt, weiß, dass Busfahren nicht zu meinen Lieblingsbeschäftigungen gehört. Aber 30km über Asphalt. Nein Danke. Beim nächsten Mal vielleicht.
Ich habe mich noch von Pelle und den Jugendlichen vom Skierffe verabschiedet und so ging es mit Mr. und Mrs. Orange und anderen neuen Bekanntschaften erst mit dem Boot auf die andere Seite und dann mit dem Bus nach Vakkotavare. Und: Busfahren war überraschend angenehm. Besser organisiert, klimatisiert, freundlich, relativ günstig und vor allem pünktlicher als so manche Fahrt zu Hause.
Der Anstieg#
Von Vakkotavare aus ging es dann direkt steil bergauf. An manchen Stellen war es so steil, dass ich auf allen vieren gekrochen bin, um vorwärts zu kommen. Ich war heilfroh, dass ich hier nicht absteigen musste, sondern hochkriechen konnte.


Auf dem Weg hierhin hat der Bus Jonn überholt. Cool war, dass er anhalten wollte um ihn mitzunehmen. Jonn hat abgewunken. Allerdings habe ich mich gefragt: Ob er mich wohl einholen wird.
Lecker Chips#
Seit Ammarnäs frühstücke ich eigentlich nicht mehr im klassischen Sinne. Es hat sich herausgestellt, dass ich für klassisches Müsli im Zelt zu ungeduldig bin, bzw. es mir zu aufwändig wurde. Im Zelt mit Wasser panschen, dann alles sauber machen, usw. Deshalb esse ich seitdem nur noch Riegel, wie Snickers oder Oreo-Kekse. Heute morgen waren es salzige Kartoffel-Chips, die ich gestern in Saltoluokta mitgenommen habe.
Mein Frühstück - die Chips - lagen also in der Nähe meines Rucksacks, und ich war damit beschäftigt mein Lager abzubauen um bald loszulaufen. Und wie ich mit den Zeltstangen beschäftigt war, sah ich jemanden auf mich zukommen. Die Statur, die Bewegung und dieses orange kannte ich. Ganz klar, das war Jonn.
Er kam zu mir rüber, wir grinsten und er hat sich erst einmal an meinen Chips bedient. Dann sind wir einfach gemeinsam weitergelaufen. Als ob wir uns schon Jahrzehnte kennen würden.
Teusajaure#
Am Teusajaure mussten wir übersetzen. Entweder selbst rudern (kennen wir ja schon) oder man ruft ein kleines Motorboot. Das wird vom STF betrieben und hat klare Uhrzeiten.
Leider haben wir das erste Boot verpasst und mussten jetzt bis ca. 15 Uhr warten. Wir hätten rudern können, aber der Fluss war so reißend, dass ich mir das nicht zutraute. Ein Vater mit seiner Frau und zwei Töchtern ist mehrere Hundert Meter abgetrieben. Es mussten dann mehrere Leute kommen und das Boot zurück am Ufer entlang tragen.
Einige versuchten es trotzdem. Es ging immer gut, aber für mich als Ruderanfänger war das definitiv zu riskant.
Und so gab es zwei Gruppen: Die eine Gruppe, die wartete auf das “rettende” Boot und die andere, die einfach ruderte. Mr. und Mrs. Orange, Jonn, ich und andere gehörten zu denen die warteten. Und so vergingen die Stunden und irgendwann war eine weitere Gruppe bereit es zu wagen und war noch auf der Suche nach einem weiteren Ruderer und fragte: “Will jemand rüber? Wir brauchen noch einen Ruderer”.
Und da kam Pelle den Hang heruntergelaufen und in aller Selbstverständlichkeit: “Ich will mit”. Ein Mann, ein Wort und so wurde es gemacht. Ich komme bis heute nicht ganz darüber hinweg: Er ist einfach eingestiegen und rübergepaddelt. Als wäre nichts gewesen. Die Strömung war zu dem Zeitpunkt zwar schon etwas schwächer, aber immer noch nicht ideal.
Irgendwann kam dann das Motorboot und setzte die “gestrandeten” über.

Kaitumjaure#
Durch die Flussüberquerung und die Probleme die damit einhergingen, sammelten sich dort natürlich einige Wanderer. Das hatte zur Folge, dass sich mehrere Trauben von Bekanntschaften bildeten und so ging unsere Traube, bestehend aus: Mr. und Mrs. Orange, Jonn, Thomas, ich und ein neues Gesicht geschlossen dem Ziel Abisko immer näher. Der Tag sollte uns heute bis nach Kaitumjaure bringen.

In Kaitumjaure hat Jonn noch einen Freund getroffen und mich eingeladen. Beide machten gerade eine Ausbildung zum Mountain-Guide. Das Interessante daran: der Kollege von Jonn begleitete einen blinden Wanderer, damit dieser den Kungsleden laufen kann. Sie laufen aktuell nicht den ganzen Weg am Stück, aber über die Jahre will er den ganzen Weg laufen. Auf einer der offiziellen Seiten zum Kungsleden prangt das Motto: “Jeder kann den Kungsleden laufen”. Dieses Erlebnis passt ganz gut zu diesem Motto.

Mordor#
Am nächsten Morgen war Jonn bereits aufgebrochen - wie immer. Aber einige Kilometer weiter musste ich schmunzeln. Über die letzten Wochen wurde immer wieder gewitzelt, dass man “Herr der Ringe” auch problemlos hier oben in Schweden, hätte drehen können.
Irgendwann stand dann tatsächlich ein Schild am Wegesrand mit der Aufschrift “Mordor”.
Da wir weder einen Ring tragen, noch die Zeit für einen solchen Umweg haben, sind Emil und ich weiter nach Abisko gezogen.
Wegkreuzung: Singi#
Und so treffen wir irgendwann an der STF-Hütte Singi ein. Eine sehr schöne Hütte, da sie von viel Wasser und kleinen Rinnsalen umflossen wird. Hier kann man sich dann auch entscheiden ob man nach Osten in Richtung Nikkaluokta und somit den Kebnekaise abbiegt, oder doch den Kungsleden nördlich nach Abisko folgt.
Ich wusste, dass Pelle und Jonn nach Kebnekaise gehen werden. Wenn ich also beide noch einmal wiedersehen möchte, wäre Osten die richtige Antwort gewesen. Allerdings war ich energetisch ziemlich am Limit - ob das jetzt eher mental oder körperlich war, weiß ich bis heute nicht genau. Ich wollte in dem Moment einfach kein zusätzliches Commitment mehr eingehen und habe mich entschieden nach Norden zu laufen. Das bedeutete aber auch, dass ich Jonn und Pelle sehr wahrscheinlich nicht mehr wiedersehen werde.

Die letzten Meter bis nach Abiskojaure#
Und so kam es, dass ich die letzten verbleibenden Tage bewusst in den Tageskilometern reduzierte, um es noch etwas in die Länge zu ziehen – bis ich am Ende in Abiskojaure ankam.
Generell kann man sagen, dass dieser nördliche Teil wesentlich mehr Wanderer zu bieten hat und für meinen Geschmack etwas zu überlaufen wirkte. Hier war es wirklich nur noch “das Ding nach Hause bringen” und deshalb teile ich ein paar meiner Lieblingsbilder dieser letzten paar Tage.

Handy-Empfangs-Motten von Abiskojaure#

Abiskojaure liegt im Abisko Nationalpark und dort ist das Wildcampen nur an den freigegebenen Orten erlaubt. Einer dieser Orte ist die STF Abiskojaure.
Dies sollte also unsere letzte Nacht auf dem Kungsleden sein und so versammelten wir uns alle ein letztes Mal gemeinsam um am nächsten Morgen die letzten Kilometer (ca. 8) nach Abisko zu laufen.

Eine lustige Anekdote möchte ich aber noch loswerden, bevor das Kapitel Abiskojaure zu Ende geht: Auf dieser Etappe des Kungsleden gibt es quasi absolut kein Empfang. Irgendwann südlich von Abisko reißt er irgendwann ab. Allerdings wurde uns von einem Hüttenwart erzählt, dass man den Berg hinauf wohl Empfang hat. Also haben wir Wanderer versucht den Ort zu finden. Mir gelang es, und zwar war es ein größerer Stein, auf den ich mich hochhievte und dann den Flugmodus ausschaltete. Und tatsächlich: ein Balken. Besser als nichts. Es war wahrscheinlich nur ein halber, aber es hat gereicht um Nachrichten zu versenden. Natürlich waren meine Mitwanderer neidisch, aber sie hatten keinen Empfang und so drängelten sich alle auf den Stein, die Handys in die Höhe haltend, in der Hoffnung die ein oder andere Nachricht kommt durch. Quasi wie so Empfangsmotten, auf der Suche nach Empfang. Es war herrlich.
Aber es markierte auch das Ende einer langen Reise.
Die letzten Kilometer bis nach Abisko#
Der nächste Tag begann mit schlechtem Wetter: Regen. Bis hierhin, hatte ich eigentlich immer Glück mit dem Wetter. Wenn es regnete, war ich meistens schon oder noch im Zelt, oder es war kein richtiger Regen. Ich bin also - bis auf dem Skierffe - nicht ein einziges mal so richtig nass geworden auf dieser Tour.
Man hätte das Wetter ausharren können, aber ich wollte von unserer Gruppe der erste sein, der in Abisko ankommt. Schon alleine deshalb, weil ich mir ein Einzelzimmer im lokalen Airbnb buchen wollte und diese Idee hatte sich wie ein Lauffeuer verbreitet. Also bin ich noch vor dem Regen aus dem Zelt gekrochen und dann in strömenden Regen nach Abisko gehetzt.
Unterwegs war ich so nass, dass ich nach dem Regen (es hat nur ca. 45 Minuten geregnet) erst einmal meine Schuhe ausschütten und meine Socken trocknen musste. Auf den letzten Metern rasten meine Gedanken. Und ein absurder Gedanke war, was mache ich eigentlich mit meinen Vintage-Wanderholzstöcken in Abisko? Also entschied ich diese zurückzulassen, obwohl sie mir über mehrere Wochen sehr gute Dienste erwiesen. Aber die letzten Schritte musste ich alleine tätigen. Es war merkwürdig, aber auch befreiend. Und so erreichte ich schlussendlich den bekannten Torbogen von Abisko.
Es war geschafft! 450km. Zu Fuß. Alleine. Durch die schwedische Wildnis.
Ich war zufrieden.


Das Video ist von Thomas aus Freiburg. Danke :)
Veränderung auf der Reise#
Mein Freund Flo hatte vor der Reise die Idee, ich könne doch jeden Tag ein Bild machen und am Ende eine Kollage. Eigentlich gar keine dumme Idee. Die Idee war ursprünglich, jeden Tag VOR dem loslaufen ein Selfie zu machen. Leider hat das nicht immer geklappt, aber es war zumindest jeden Tag ein Bild.
Das Ergebnis, seht ihr hier:


Abschließende Worte#



